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Ückendorf ist no No-go-Area

Gelsenkirchen-Ückendorf eine „No-go-Area“? Kriminelle Clans? Ein Polizeibericht zur vermeintlich geringen Sicherheitslage im Stadtteil sorgte in den letzten Wochen für Schlagzeilen in den Medien und beschäftigte die Politik der Stadt. Auf Basis unserer Erfahrungen vor Ort möchten wir zu dem Thema Stellung beziehen.

Als Netzwerk, das, gemeinsam oder durch die Tätigkeiten Einzelner, seit vielen Jahren Quartiersarbeit in Ückendorf leistet, halten wir einiges in der momentanen Berichterstattung und Einschätzung zur Sicherheitslage im Gelsenkirchener Süden und speziell in Ückendorf unzureichend dargestellt. Ebenso wollen wir aber auch nicht die sozialen Probleme des Stadtteils beschönigen. Wir sind die Letzten, die das tun würden. Alles andere wäre unserer eigenen Arbeit in der Standortentwicklung dort abträglich.

Jedoch ist die Situation weit weniger dramatisch, als sie in letzter Zeit beschrieben wurde. Dass in den Medien ein Polizeibericht unreflektiert und teilweise ohne eigene Recherchen vor Ort übernommen wird, Politik und Öffentlichkeit dies dann zum Anlass nehmen, um über die Lage im Stadtteil zu diskutieren oder diese als bedrohlich einzuschätzen, wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Wenn die Polizei Gründe zur Annahme hat, dass die Sicherheit im Stadtteil bedroht sei, dann ist es natürlich ihr gutes Recht, das auch mitzuteilen. Vor allem zur Sicherheit der Polizisten. Es handelt sich dabei allerdings zunächst einmal nur um deren subjektiven Erfahrungen und Empfindungen. Andere Perspektiven nehmen andere Realitäten wahr. Selbst Polizeibeamte, aktive wie ehemalige, relativierten jetzt bereits die Situation.

Auch aus unserer Sicht ist es in Ückendorf nicht so, dass überall irgendwelche kriminelle Clans nur darauf warten loszuschlagen. Ückendorf ist ein sehr heterogener Stadtteil. Neben der oberen Bochumer Straße, die immer wieder als Beispiel für einen Brennpunkt herangezogenen wird, gibt es wenige Meter weiter gutbürgerliche Straßenzüge. Sicherlich kann man davon ausgehen, dass im Verborgenen kriminelle Strukturen, z.B. im Drogenhandel existieren, die bekämpft werden müssen. Das macht Ückendorf aber noch lange nicht zur „No-go-Area“ für Normalbürger. Aus unserer Sicht muss hier niemand befürchten, umgehend einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Der Begriff „No-go-Area“ scheint ohnehin stets nur in Verbindung mit der Polizeiarbeit, -präsenz oder Sicherheitslage für Polizisten an einem Ort verwendet zu werden. Und tatsächlich gibt es Bevölkerungsgruppen, die per se eine ablehnende Haltung gegenüber der Polizei einnehmen, was absolut zu verurteilen ist. Dann müssen diese aber auch ganz eindeutig benannt werden, um nicht Gefahr zu laufen, viele über einen Kamm zu scheren oder Probleme falsch zu fokussieren.

Die Einschätzungen der Polizei haben zum Teil ihre Berechtigungen, lassen aber insgesamt eher auf ein taktisches Vorgehen schließen, um vom Land NRW keine Mittel oder Personalkraft gestrichen zu bekommen. Wir erleben in unserem Alltag und Arbeiten in Ückendorf keinerlei Bedrohungen. Die größte Herausforderung der problematischen Viertel im Stadtteil ist vielmehr die ökonomische, soziale und kulturelle Verödung, wenn die Entwicklungsarbeit vernachlässigt würde. Selbst viele der angeblich berüchtigten Spielhallen, Cafés und Shisha-Bars auf der Bochumer Straße stehen mittlerweile leer.

Darüber hinaus scheinen sich Benutzer eines Begriffs wie „No-go-Area“ dessen stigmatisierender Konnotation nicht bewusst zu sein. Kommuniziert man Gelsenkirchen-Ückendorf als „No-go-Area“, bedeutet das für viele Empfänger: „Geht dort nicht hin. Es ist nicht sicher. Dort passiert euch etwas Schlimmes. Da leben nur schlechte Menschen.“ Damit werden nicht nur alle Einwohner des Stadtteils diffamiert und ausgegrenzt, sondern auch das Engagement derer herabgewürdigt und behindert, die sich um eine positive Entwicklung bemühen. Egal ob Stadtentwickler, Sozialarbeiter, Künstler, Unternehmer oder engagierte Bürger. Egal ob mit oder ohne „Migrationshintergrund“. Egal ob mit oder ohne deutschem Pass.

Ebenso oft wie den Begriff „No-go-Area“ hört man typische „Stammtisch-Parolen“ à la: „Die Lage wird immer schlimmer. Früher war alles besser.“ Tatsächlich war in Gelsenkirchen-Ückendorf die Situation einst wesentlich besser als heute. Der Stadtteil hat in den letzten Jahrzehnte einen erheblichen Niedergang erlebt, verfügt aber immer noch über ungeheures Potential. Allerdings gab und gibt es in Großstädten immer bessere und schlechtere Viertel. Überall sind Stadtteile, die einst sozial besser gestellt waren, abgerutscht und auch wieder hochgekommen. Umgekehrt genauso. Dies hat weder damit zu tun, dass es heute mehr Kriminalität geben würde, noch damit, dass wir heute in einer multikulturelleren Gesellschaft leben. Eins ist aber ganz sicher heute anders: die Masse der medialen Aufmerksamkeit, die jedes große wie kleine Ereignis erhält.

Diskussion zur Entwicklung Ückendorfs

Am 3. August lud das Ückendorfer Künstler- und Kreativennetzwerk Insane Urban Cowboys interessierte Bürger und Presse zum Gespräch mit dem Gelsenkirchener SPD-Vorstandsmitglied Taner Ünalgan ein. In der „Kutschenwerkstatt“ auf der Bochumer Straße wurde angeregt über die Entwicklung des Stadtteils debattiert.

Bei der lebendigen Diskussion in der „Kutsche“, einem der Orte, die sich in Ückendorf positiv zum Veranstaltungsort für Kunst und Subkultur entwickelt haben, kamen diverse Themen auf den Tisch. Unter anderem ging es um das Projekt „Kreativ.Quartier Ückendorf“, die städtebaulichen Maßnahmen zur Revitalisierung der Bochumer Straße oder die Erfahrungen der Akteure bei der Realisation von Projekten und ihrer Arbeit in der Standortentwicklung.

Zur Diskussion hatten die Insane Urban Cowboys (IUC), ein Verbund aus künstlerisch und kreativwirtschaftlich tätigen Akteuren, den SPD-Politiker Taner Ünalgan eingeladen. Das jüngste Vorstandsmitglied des SPD-Unterbezirks Gelsenkirchen lobt die bisherige Initiative der IUC und zeigte sich mit konkreten Fragen nach Erfahrungen und Wünschen interessiert an der Arbeit und den Projekten der IUC sowie der Entwicklung Ückendorfs, speziell des Quartiers rund um die Bochumer Straße.

So berichteten die Gesprächsteilnehmer, dass sie zwar stets konstruktiv mit verschiedenen Stellen in der Gelsenkirchener Kommunalpolitik und Stadtverwaltung zusammenarbeiten, sich aber weniger Bürokratie wünschen würden. Planungsrechtliche Ausweisungen für das Stadtquartier ließen bestimmte kreativwirtschaftliche Nutzungen nicht zu. Es wäre eine politische Aufgabe dies zu ändern.

Ebenso wurden die neuen städtebaulichen Pläne für einige Immobilien der Bochumer Straße hinterfragt. Diese verlaufen, nach Meinung der IUC, teilweise konträr zu den Bemühungen der Stadt um das Kreativ.Quartier. Es entstünde oft der Eindruck, dass die verschiedenen Referate der Stadt unterschiedliche Schwerpunkte für Ückendorf verfolgen und so kein roter Faden vorhanden sei. Schließlich kosten einige Maßnahmen Gelder, die nicht unbedingt dafür ausgegeben werden müssten. „Wir müssen die Freiräume, die hier vorhanden sind, auch als solche erschließen und für interessierte Kreative schneller nutzbar machen“, sagt der Ückendorfer Maler und IUC-Mitglied Roman Pilgrim. „Dazu sind in erster Linie Gespräche mit den Eigentümern, etwas Muskelkraft, Kreativität und vor allem weniger bürokratische Hürden notwendig.”

Das beste Beispiel dafür sei das Atelier des jungen Modelabels URB Clothing im ehemaligen Leerstand der alten Apotheke, Bochumer Straße 74. Die Pläne für das Haus standen auf Abriss, jetzt erzielt die Stadt als Eigentümer sogar wieder Mieteinnahmen damit. „Künstler und Kreative akzeptieren viele der Immobilien so, wie sie jetzt sind. Auch wenn diese aus bürgerlicher Sicht heruntergekommen scheinen“, ergänzt IUC Roman Milenski. „Geringe Mieten sind den jungen Unternehmern wichtig, keine teuren Umbauten.“

Taner Ünalgan konnte viel Verständnis für die Kritik aufbringen, versuchte aber auch die Perspektive der Kommunalpolitik zu erläutern. Er bot zum Abschluss des knapp 90 minütigen Gesprächs an, weitere runde Tische mit Politik und Verwaltung zu vermitteln. Zumindest die Diskussionskultur in Ückendorf und Gelsenkirchen scheint vorerst wieder revitalisiert zu werden.

Anmerkung
Auch die WAZ Gelsenkirchen und der Gelsenkirchen Blog Gelsenclan.de haben über das Treffen berichtet. Beim Artikel der WAZ gab es aus Sicht der IUC Akteure einige Unklarheiten und Fehler in Bezug auf die verwendeten Zitate. Die entsprechende Gegendarstellung ist hier zu lesen.

Roman Pilgrim präsentiert ein neues “Rahmenprogramm” (WAZ, 10.01.15)

Gelsenkirchen. Eigentlich arbeitet Roman Pilgrim eher großformatig. Für seine neue Austellung im Gelsenkirchener „Cafe Willkür“ macht er eine Ausnahme.

Großformatige Leinwände mit bunten Farbflächen und interessanten Oberflächenstrukturen sind das Markenzeichen des Ückendorfer Künstlers Roman Pilgrim. In diesem Monat präsentiert er allerdings Werke, die aus dem Rahmen fallen – eben weil sie genau das nicht tun.

Klingt verwirrend? Nun, Roman Pilgrim hat seine aktuelle Ausstellung im Café Willkür an der Bergmannstraße (über einen Nebeneingang zu erreichen!) „Rahmenprogramm“ genannt.

Eigens ins Cafe ausgelagert, damit die Arbeiten nicht untergehen

Hier präsentiert der Ückendorfer bis zum 31. Januar Werke, die im Laufe der vergangenen Jahre parallel zu seinen Acrylgemälden und Lichtobjekten entstanden sind. Und diese sind eben alle gerahmt, im Gegensatz zu den Leinwandbildern spiegelt ihre Oberfläche und lässt schon dadurch ganz andere Lichtreflektionen zu. „Papierbilder wie diese entstehen bei mir oft einfach so zwischendurch“, erzählt Autodidakt Roman Pilgrim, der damit auch verschiedene Stile ausprobiert. „Damit sie aber in meinem Atelier zwischen den anderen Arbeiten nicht untergehen, stelle ich sie hier auf der anderen Straßenseite gesondert aus.“

Jedes Bild wird von einer anderen Farbe dominiert. „Farbgewalt“ heißt ein Grünes, das wie ein Urwald wirkt. Im Bild „Kreislauf“ hat Pilgrim in pastellfarbene Acrylfarbschichten Kreise eingeritzt. Tiefgründig.

Ein Artikel von Anne Bolsmann, erschienen in “WAZ” am 10.01.2015

IUC Fotoausstellung “NEU!” bei “Licht an 2014″

Die Insane Urban Cowboys präsentieren drei Fotoserien in einer Ausstellung: NEU! Frank Helferich, Klaus Kasperszak und Volker Bruckmann zeigen ihren Blick auf die Ästhetik vermeintlich wertloser Objekte und (vergangene) Orte in drei völlig unterschiedlichen Fotoserien und auf historischen Fotografien.

Frank M. Helferich zeigt Digitale Fine Art Prints unter dem Titel „Back to the Future“. Zu sehen sind „foto-grafische“ Ergebnisse von Streifzügen über Recyclinghöfe in Hessen und NRW. Die übergeordnete Motivation zur Arbeit an der Serie besteht in dem Wunsch, die Ästhetik des scheinbar „Abgeschriebenen“ zu visualisieren. Durch die Bearbeitung erhalten die Motive einen eigenartigen Reiz.

Die Werkgruppe umfasst insgesamt rund 30 Motive, von denen Helferich sechs Exemplare in der Ausstellung zeigt und rund 25 Motive im Kleinformat separat präsentiert. Die Fotos entstanden in den Jahren 2009 bis heute. Die Serie wird fortgesetzt. Zahlreiche Aufnahmen liefern Verweise auf die Arbeit anderer Künstler wie C.D.F oder A. Gursky.

© Frank Herlferich - Back to the future

© Frank Herlferich – Back to the future

 

Klaus Kasperszak präsentiert Werke aus der Serie “Urban Whisper”. Abgerissene Plakate als städtisches Informationsmedium, senden neue, wenn auch abstrakte, Botschaften und tragen so zum “Grundrauschen” einer Stadt bei.

Serie Urban Wisper

© Klaus Kasperszak – Serie Urban Wisper

Die Serie „Ückendorf MEMORY“ von Volker Bruckmann zeigt das Ückendorf der letzten 100 Jahre.  Und – aus gleicher Perspektive – HEUTE. Erinnerungen werden wach und wir entdecken beim MEMORY-Spielen was gestern trist war und was heute schön ist. Und umgekehrt.

Wo?
Riedfeld | Bochumer Straße 94 | Ückendorf

Wann?
Samstag, 29. November | 15 bis 18 Uhr
Sonntag, 30. November | 12 bis 18 Uhr

Weitere Akteure der IUC bei “Licht an 2014″
Roman Pilgrim – pilgrim.art
Bergmannstr.32 | Ückendorf

Yenai Marcos – CYMR
Halfmannshof | Ückendorf

 

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